Von Zalto-Beschützern, lächelnden Schweinen, großen Weinen in noch größeren Flaschen. — Vinaturel Hausmesse 2016

10:30 Uhr. Ich steige am Münchner Bahnhof in den von Vinaturel gecharterten Shuttle-Bus, bei vorbildlichem bayrisch blauem Himmel. Es geht in das knapp 30 km entfernte Berg am Starnberger See. Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen, und bin 645 km mit der Bahn gefahren (Hin und zurück ohne Verspätung in nigelnagelneuen ICEs, kein österreichischer Fotograf/Journalist an Bord) nur um eine Hausmesse eines Weinhändlers zu besuchen. Aber bei der Auflistung der anwesenden Weingüter und Winzern vor Ort, schlug das WeinNerd Herz einfach viel zu hoch. (Dieses sollte im Laufe des späteren Abends noch viel höher schlagen.) Als wir die Autobahn verlassen, und auf einer schmalen Landstraße die letzten Kilometer gen Berg vor uns haben. Fahren wir vorbei an Schönheitskliniken, satten grünen hügeligen Wiesen, bis ins kleinste Detail gepflegten Bauernhäusern und opulenten Villen. Die wie Satelliten einer überzeichneten wunderschön bayrischen Postkarten Idylle, den Starnberger See belagern. Und es kommt einen in den Sinn, das wohl Mutter Natur bei der Erschaffung Bayerns den extra feinen Pinsel rausgeholt hat. 

Am Eingang der Hausmesse erhalte ich ein Zalto Universal Glas zur Verkostung, das schon bei der ersten Instruktion im Bus als äußerst rares Gut vorgewarnt wurde. Im Laufe dieses Tages habe ich mehr Zaltos sterben gesehen, als manche Weinseele es verkraften kann. 

Damit auf dem Gelände von Vinaturel die knapp 500 Besucher und Winzer auch Platz haben, wurden Bestände ausgelagert und mehrere Zelte errichtet. Ich begebe mich als erste in das Festzelt, vorbei am Ausschank von Unertl. Nach Dinkel-Weisse ist mir noch nicht, das wäre in Anbetracht der zeitlichen Ausmaße für diesen Tag unnötiger alkoholischer Ballast. Im Zelt gibt es einen Stand von Pascucci Café, die neben einer Synesso auch mehrere Hario-Drippern aufgebaut haben. Third Wave Coffee meets Fest-Zelt meets Weinverkostung. Ich bin beeindruckt. Ich mache es mir mit sehr guten Weißwürsten vom lokalen Metzger Kandler, Obatzda und einem frisch vor Ort gebackenen Bretzn erstmal bequem und gehe meine Planung für heute durch.  

Champagne

Während andere Stationen auf dieser Hausmesse in Zelten oder dem Lager untergebracht sind, befinden sich die Stände der Winzer aus der Champagne direkt in den Büroräumen. Was auf der einen Seite etwas beengter wirkt, begrenzt hier den Raum für Menschen. So dass es für jeden auf der Messe problemlos im Laufe des Tages möglich war, persönlich das Gespräch zu finden. 

Barbichon:

Extra Brut: Tänzelnde und packende Säure. Großer gemischter Korb von Zitrusfrüchten. Für den kommenden Sommer die Begleitung zum Feierabend. Unkomplizierte aber solider Durstlöscher, um auf warmen Bürgersteigen zu sitzen und den Tag ausklingen zu lassen.


Charles Dufour:

Bistrotage: 
An anderer Stelle wurde ich schon für Salzpflaume / Umeboshi als eines der Aromen belächelt, und ich bleibe dabei. Dazu etwas Schwarzwälder Schinken. Was ich an diesem Champagner so liebe ist seine Wildheit. Das ewig changierende der Aromen in Nase und besonders am Gaumen.

Bulles de Comptoir #4: Die erste Flasche hatte ich im Januar, da war er noch sehr ruppig, kurz nach dem degorgieren. Im März auf der ProWein zeigte er schon so leicht wohin die Reise hingeht. Er wirkt jetzt immer noch leicht verschlossen, hat aber das ruppige und kantige weitgehend abgelegt. Ein großes Glas tut Ihm immer noch sehr gut. Dann wird man schon ein wenig belohnt mit Aromen von Cedri Zitronen, geröstetem Weißbrot, Cassis. Und einer Säure wie ein gebirgskalter Wasserfall der stetig den Gaumen mit ordentlich Druck erfrischt.


Larmandier-Bernier

Longitude (formerly known as Blanc de Blancs): Die Säure am Gaumen das Katana Schwert unter den Champagner. Kompromisslos, minimalistisch und lang. Immer wieder ein großes Vergnügen. 

Terre de Vertus: Im Gegensatz zum Longitude fast üppig. Präsentiert sich seidig fast anschmiegsam mit einem Hauch Marzipan, türkischem Honig und reifen roten Äpfeln. 


Vouette & Sorbée


Blanc d'Argile: Nasse Tafelkreide galore. Ein wenig Pariser Bäckerei am morgen. Ultra minimalistisch. Und dabei trotzdem so faszinierend animierend, immer noch ein Glas mehr trinken zu wollen. 

Saignée de Sorbée Rosé Extra Brut: Gefriergetrocknete Erdbeeren, Bunter Strauß einer Wildblumenwiese im Spätsommer. Ein wenig nasse Waldbodenerde. Wild, exotisch immer ein wenig schwebend und nie so richtig einzuordnen. Wird niemals everybody's darling, meiner schon.


Tarlant

Cuvée La Matinale 2003:
Ein sehr bescheidener Jahrgang, und laut Benoit Tarlant für Ihn momentan sein Liebling, gerade weil er sich dennoch so gut entwickelt hat. Er tanzt auch ein wenig aus der Tarlantschen Reihe, mit seinen Anklängen von Sherry und Calvados. Aber dennoch mit einer richtig knackigen Säure und einer sehr guten Struktur. 

Deutschland

Mitten zwischen Versandbereich und Hochregallager befinden sich die deutschen Winzer. Dicht belagert natürlich Peter Jakob Kühn, Wittmann, Christmann oder Clemens Busch. Da ich alle auf Verkostungen in den letzten Monaten schon ausgiebig notiert habe, spare ich mir diese heute. Nur so viel, der 2014 Fahrlay von Clemens Busch, ist für mich einer der schönsten trockenen Rieslinge der letzten Jahre, bei dem ich immer wieder Gänsehaut bekomme. Grazil, unendlich komplex und sehr berührend. 

Odinstal:

Riesling Sekt Brut Nature: German Kargheit. Während andernorts gerne der Vergleich zum Champagner bei Sekt erhoben wird. Ist dieser Sekt genau das Gegenteil von gefälliger opulenter Eleganz. Dabei aber mit einem ungehörigen Trinkfluß ausgestattet, der sich wie ein roter Faden durch die ganze Kollektion zieht. 

Riesling Basalt 2014: Kein Wein der durch seine Primärfrucht sich jetzt schon anbiedert. Sondern zutiefst dichte Mineralität, mit einem Meer nasser Steine, und feine Würzigkeit. Abwarten heißt es hier und sich in ein paar Jahren umso mehr freuen.

Luckert - Zehnthof und Stevan Vetter
haben Ihre Stände direkt nebeneinander. Für den Verkoster ein fließender Übergang von Herkunftstypizität der neuen großen fränkischen Art und Nouvelle Vague des Silvaner. 

Luckert - Zehnthof:

Sonnenberg Silvaner - Gelbkalk 2014: Eine enorme Saftigkeit gepaart mit Würze von Fenchelsamen und Kerala Pfeffer. Das ist Silvaner den ich wieder lieben gelernt habe und der auch blind nichts anderes sein möchte.

Stevan Vetter: 

Sylvaner CK 2014:
Und hier das genaue Gegenteil, nichts deutet auf Silvaner hin, und dennoch ein sehr faszinierendes Stück Wein. Kühl, schwerelos. Wie minimalistische elektronische Musik in der es nur einen monotonen Beat gibt, hier und da tauchen unerwartet Töne auf die im Gesamten ein Bild erzeugen. Schwer zu fassen, benötigt Zeit und belohnt dafür umso mehr. 

Österreich und Italien

Ich begebe mich wieder nach draußen, an Frankeich und Spanien erstmal vorbei und in das Zelt der Winzer aus Österreich und Italien. Es ist später mittag, und ich hatte es mir deutlich wärmer unter der Zeltplane vorgestellt. An mir ziehen immer wieder unermüdlich Mitarbeiter von Vinaturel vorbei, leeren Spuckis aus, füllen Eis und Wasser nach. Auch hier sind an den „HotSpot Winzern“ viele Verkoster, aber jeder macht irgendwie für jeden und sein Glas Platz. 

Österreich:

HM Lang:

Riesling, Riede Steiner Schreck 2013: 
Im ersten Moment wirkt er fast barock, um dann ganz schnell den Dreh zu einem sehr kompakten und schlanken Wein hinzubekommen. Extrem dicht, stoffig, und eine sehr moderate Säure. Es tun sich enorm viele Schichten auf die erforscht werden wollen. Brauch Zeit zur Reife, und dann wieder Zeit um an einem langen Abend langsam getrunken werden zu wollen.

Meinklang: 

Prosa Rosé:
Um es mit den Worten vom Kollegen Riesling Roboter zu sagen, das holt mich total ab. Ein Sack voller roter Früchte, und eine Menge Spaß. Und das zu einem Preis, wo es dann an einem warmen Abend auch sehr viel mehr Flaschen sein dürfen. 

Muthenthaler:

Vießlinger Stern 2013:
Wachau wie sie eigentlich viel mehr sein sollte, und mich vor ein paar Jahren direkt angefixt hat. Präzise, karg und eine enorme Würzigkeit gepaart mit einer äußert straffen und packenden Säure. Wirkt 2013 ein wenig üppiger als die Jahre davor, aber den Speck sollte er mit mehr Reife die Ihm absolut zusteht verlieren.

Andreas Tscheppe:

Ein paar einleitende Worte, nach Jahren davor mit dem Rhombenspanner und Hagel, kam es dieses Jahr für Tscheppe mit dem Frost wieder knüppeldick. Es wird wenn überhaupt 2016 nur Mikro Mengen geben. 

Grüne Libelle 2013: Man möchte diese Wein direkt austrinken aber seine fordernde Art bremst den Gaumen dauernd aus. Welch Konflikt für die Seele. Und nebenbei der erste Gänsehaut Moment des Tages. Kaufen, weglegen, und in schwachen Momenten eine Flasche naschen und sich schuldig fühlen. 

Italien:


Ich beiße mir in den Hintern weil ich es an diesem Tage nicht geschafft habe, Ca'La Bionda und Roagna zu verkosten, wird nachgeholt. 

Valfaccenda:

Arzigh:
3-4 Tage auf der Maische, und Arneis steht dies wie der Arsch auf Eimer. Eine feine Säure, hier etwas Tannin da etwas Salz und das im schönsten Kleid der ganzen Hausmesse. Leider nur etwas über 600 Flaschen. Zweiter Gänsehautmoment des Tages. 

Spanien und Frankreich

Zurück ins Weinlager von Vinaturel, kurz vor dem Eingang wurde ein weiteres Zelt errichtet was Spanien beheimatet. 

Spanien:

Celler Credo:

Miranius: Recaredo kann auch still, frische Frühlingswiese, würzig pfeffrige Frucht. Perfekter Wein um Mediterrane Küche für wenig Geld zu begleiten. 

Terroir al Limit:

Terroir Historic Negre:
Ein Wein der aus der Idee heraus entstand, wieder einen grundsoliden Wein auf Basis einer Kooperative zu machen. Diese wird in den nächsten Jahrgängen auch nicht mehr den Namen von Terroir al Limit zieren sondern der Kooperative. Man hat hier sozusagen Nachhilfe gegeben. Und die hat sich mehr als gelohnt. Reife Kirsche, Pflaumen, etwas Thymian und Rosmarin. Schon sehr feines Tannin. Lockere 18 Euro. 

Frankreich:

Während ich bei Albert Mann und Zind-Humbrecht einfach öfters nur niederknien wollte. Blieb ich dann auch im Burgund hängen. Potel hatte ich schon Tage zuvor bei Kollege Werzl im Restaurant getrunken, und bei Château de Béru nahm mich kurz der Richard Yoder zur Seite.


Château de Béru: 

Béru Chablis Clos Béru Monopole:
Beispielhaft für die ganze Kollektion von
Athénaïs de Béru. Reifes Steinobst, sehr feine Würze und Mineralität, die mit ordentlich Nachdruck den Gaumen antanzt. Das hat Kraft und Wucht, aber niemals grob und klotzig sondern grazil und elegant. Das war Liebe auf den ersten Schluck...

18:28 Das Schwein lächelt seelig

Es war ein langer Tag, mit vielen neuen Eindrücken und vertiefen bestehender. Während einige noch weiter verkosten, gönne ich mir endlich auf der Terasse des Festzeltes ein Dinkel Weisse. Es spült meine Geschmackspapillen, enlässt Sie in den Feierabend, befreit jegliche Reste von allen Weinen dieses Tages. Am Horizont zwischen den Bäumen sind deutlich die Alpen zu erkennen, die sich langsam in ein zartes Rosa tauchen. Im Kontrast der langsam dämmernde Himmel. Ja, die Landschaft in der ich mich heute befinde kehrt wieder zurück in das Bewusstsein. Gang raus, und ich begebe mich zum Schwein, das neben dem Angus Rind ein Tag zuvor den Weg von Meinklang nach Berg fand. Und den ganzen Tag seine Runden drehte.

Bier, Salz und Fett, bescheren mir direkt ein Lächeln beim Anblick des Tellers vor mir. 



19:30 Große Flaschen und Wortfetzen wie Honig.

Wir sitzen gemeinsam auf der Terrasse, lassen den Tag nochmal vorbeiziehen. Reden über Weine, über die Frost-Kapriole des noch so jungen Weinjahres 2016. Am Tisch neben uns sitzen Sophie und Pierre Larmandier, Charles Dufour, Barbichon, Athénaïs de Béru, die eine Hälfte von Vouette & Sorbée, Benoit Tarlant, Nicolas Potel und weitere. Und während wir die „Reste“ der Sepp Muster Verkostungsweine trinken, mit einer um sich unsterblich zu verlieben guten Erde. Werden am Nachbartisch die ersten großen Flaschen geöffnet unter Bewunderung unseres. 

Und es dauert auch nicht lange, bis wir einen tischübergreifenden Flaschentausch vollziehen. Man kommt ins Quergespräch über Bänke und Tische hinweg. Immer mehr Flaschen tauchen auf, und ich gerate in Gläser Stress, ich möchte gerade alles auf einmal probieren, aber auch nicht schneller trinken. Clemens Busch gesellt sich zu uns, und dann noch Peter Jakob Kühn. Die Kühle des noch jungen Frühlings holt uns etwas ein, aber ich sitze wie der kleine Junge im Süßwarengeschäft und genieße den Moment, die Auswahl der im Shuffle Modus vorbeikommenden Weine, die Wortfetzen angeregter Gespräche...

Mein letzter Schluck an diesem Abend? Mit Benoit Tarlant ein Glas Cuveé Louis.

An dieser Stelle nochmals Danke an alle von Vinaturel, für die super Planung im voraus, die Newsletter die penibel mit allen wichtigen Informationen ausgestattet waren. Den ganzen Tag. Ich habe selten so viele entspannte Menschen Wein verkosten gesehen. Das war gelinde gesagt großartig! 

Hey Enste reicht es mal nicht mit den superlativen? Gab es nichts aber so gar nichts zu meckern? Doch, ich habe 40 Euro für Lose versenkt und nur Nieten gehabt. Die Glücksfee hat an den Tag keinen guten Job gemacht, aber es war für einen mehr als guten Zweck!