12 Jahre in Little Tokyo

Es sprüht feiner, kalter Regen abwechselnd von links, rechts und oben an diesem Montag, im Februar durch die Düsseldorfer Altstadt, die kaum belebt ist. Und nichts deutet darauf hin, das in wenigen Tagen die rheinische Frohnatur dem Höhepunkt des Jahres entgegenfiebert. Die Frau Koos, der Werzl und ich stehen vorm Uerige und leeren die Reste der Flasche 92er Réserve von Lauer, die Frau Koos als Wegzehrung für den Zug von Bochum nach Düsseldorf mitbrachte. Wir genehmigen uns im Brauhof der Brauerei jeder noch zwei Uerige, während um uns der Köbes mit frischen Frikadellen auf einem silbernen Tablett kreist. Und drehen im Gespräch langsam den Fokus auf den Abend. Denn Erwartungen hat man genug, wenn die Möglichkeit sich bietet 12 Jahrgänge von Wittmanns Morstein und Rebholzs Kastanienbusch zu trinken.

Drei Faktoren in der Kombination mit Überraschungs-Potenzial: Riesling, GG und biodynamisch angebaut. 

Es geht zur Klosterstraße mitten im Little Tokyo Düsseldorfs. Das man laut zahlreicher Erwähnungen in den Restaurant-Führern, auch Little Baiersbronn nennen könnte. So dicht sind hier Punkte vom Gault Millau für meist japanische Restaurants angesiedelt. Dazu kommen zwei Michelin Sterne, dessen gekürte Restaurants nur ein paar Häuser voneinander entfernt liegen. Einer dieser Sterne wurde im Dezember, dem erst im letzten Frühjahr eröffneten NENIO von Bastian Falkenroth verliehen. Das zugleich der Ort unserer Probe ist. Ein Kitchen Table Konzept mit braunen Lederhockern, langen dunklen Vorhängen die von der Außenwelt abschotten und einem u-förmigen Tresen. Letzteres sticht mir direkt in den Sinn, wird die Diskussionen um jeden Wein des Abends wie eine Arena akustisch konzentrieren.  

Die Teilnehmer des Abends sind bunt gemischt, Offline wie Online Kontakte. Die sich teilweise zum ersten Mal, in der realen Weinwelt sehen. Und doch kennt man den Geschmack des anderen, dank mit hoher Schlagzahl befüllter Instagram Accounts mit unzähligen Flaschenfotos und kurzen Notizen darunter, oder teils hitziger und leidenschaftlicher Diskussionen in der Facebook Hauptsache Wein Gruppe. Wir resetten zum Start den Gaumen mit einem Glas 2014er Riesling Brut von Reichsrat von Buhl aus der Magnum. Nehmen am Tresen Platz, und unseren beiden Initiatoren des Abends Christian Farago und Kollege Werzl schwenken die Startflagge. 

2015

Morstein:

Reiht sich nahtlos mit einer schon sehr hohen Zugänglichkeit in die vielen 15er Weine ein. Wirkt jetzt schon sehr kompakt und konzentriert, mit einer zum verliebenden packenden Säure. Etwas arg reduktiv und schwefelig, das sollte die Zeit aber richten. Für mich mit einem riesen Potenzial, und mit einer der Weine des Abends. (95+)

Kastanienbusch:

Absolut verschlossen, und der Rest hat sich im Gegensatz zum Morstein noch nicht gefunden und wirkt deutlich unharmonisch. Die Säure deutlich härter. Ein wenig Wundertüte mit Tendenz nach oben. (93)
 

2014

Morstein:

Neben dem absolut verschlossenem, wirkt der 14er Morstein sehr diffus und unruhig. Lässt mich mit Fragezeichen zurück, würde ich gerne in ein paar Jahren nochmal probieren. (89)

Kastanienbusch:

Leicht ölig, mit einer guten Struktur. Sehr zugänglich und einer gut aber einen Tick zu wenig Säure, die den Wein dann doch etwas zu langweilig werden lässt. (91)
 

2013

Morstein:

Ordentlich klirrende und polternde Säure. Dazu sehr schüchterne gelbe Früchte. Könnte mal groß werden. An dem Abend eine weitere der vielen Wundertüten. (91+)

Kastanienbusch: In diesem Jahr wurde kein Kastanienbusch gemacht.

 

2012

Morstein:

Erste leichte Anklänge von Reife aber noch ein wenig Speck auf den Hüften. Eine super Struktur und ordentlich straff am Gaumen. Sehr schöne Salzigkeit. (93+)

Kastanienbusch:

Floral und sehr geradlinig, nicht der größte des Abends aber auch nicht der schlechteste. Jetzt trinken. (89)

 

2011

Morstein:

Schöne Reife, und bringt eigentlich alles mit was ein großer Wein brauch, wenn da nur nicht die ultrakurze Länge wäre, die dann all das zuvor aufgebaute in Luft auflöst. (92)

Kastanienbusch:

Was ein dichtes, feines und cremiges Brett von Wein. Eine Feingliedrigkeit die dann mit dieser wilden Würzigkeit tanzt. (95)

 

2010

Morstein:

Wie ein großer! Gute Reife, viele Noten nach eingemachtem süßem Steinobst. Wirkt aber dennoch nicht zu dick oder plump, dank einer gut präsenten Säure. Diese Balance macht es dann richtig spannend. (94+)

Kastanienbusch:

In your face Arschjahr! In der Nase springt einen die Tennisballdose an, und am Gaumen tanzt die Säure zu Prince Let's go crazy bis tief in die Nacht. Jugendlich, irre komplex und trotzdem mit dem Drang immer noch ein weiteres Glas zu trinken. Kaufen, und zwar alles was man bekommen kann. (96+)

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2009

Morstein:

Die Wundertüten werden an diesem Abend zum roten Faden. Sehr mollig, fast barock, aber dafür fehlt Ihm jegliche Eleganz. Schwierig. (90+)

Kastanienbusch:

Macht es leider auch nicht besser. Sehr viel alter geriebener Apfel und ziemlich breit. Noch schwieriger. (89)

 

2008

Morstein:

Endlich ein Flight mit Weinen auf Augenhöhe. Eine wunderbare nobler Eleganz mit hohem Extrakt und sehr feiner Würze. Kaum Spur von Reife. (95)

Kastanienbusch:

Leicht phenolisch und wenig dicker als der Morstein. Aber sehr sehr attraktiv. (94)

 

2007

Morstein:

Wunderschön schlank und Reif aber noch mit einer sehr wachen Säure. Wechsel zwischen Präzision und diffuser Schwerelosigkeit. Dazu sehr subtile Rauchnoten. (93)

Kastanienbusch:

Wirkt leider deutlich fortgeschrittener. Ein Berg voller gemüsige Noten. Die sich dann zu einem vermischten Allerlei ergeben. (89+)
 

2006

Morstein:

Mit der Nase lockt er, am Gaumen überrascht er. Verspricht sehr viel und wirkt dann leider arg mager und ohne komplexere Struktur. (90)

Kastanienbusch:

Puh. Ich glaube im Tenor der Anwesenden der schwächste Wein des Abends. (83)

 

2005

Morstein:

Sehr breit und plump. Nach Recherche bei anderen Verkostungen würde ich auf eine fehlerhafte Flasche tippen. (-)

Kastanienbusch:

Deutlich phenolischer als 2008. Dominiert vorne mit Minze und feinen Bittertönen im Abgang. (91+)

 

2004

Morstein:

Werthers Echte dessen Sahnigkeit lang am Gaumen bleibt. Noch recht gute Struktur. (90)

Kastanienbusch:

Ein wenig Petersilie, deutliche Reife aber noch sehr gut beieinander. (88+)


2003

Kastanienbusch: 

Ich hätte hier eigentlich fast nichts erwartet. Dafür ist hier noch recht viel da. Die Hitze des Sommers ist deutlich schmeckbar, aber dafür kämpft sich Mutig noch eine Portion Säure durch diesen Wein. (91)

Danke an Christian Farago und Tibor Werzl für die Zusammenstellung dieser sehr lehrreichen Vertikale, und an das ganze Team von Bastian Falkenroth für die kulinarische Begleitung. Viele Weine waren oft nur einen Hauch voneinander entfernt. Vieles aber würde ich gerne nochmal in ein paar Jahren probieren. Und 2010 bleibt der meist unterschätze Jahrgang in Deutschland...