Bordeaux Biodynamisch

Das Bordelaise ist gilt ja doch eher als ein konservatives Weinanbaugebiet was bio-oder biodynamische Bewirtschaftung angeht. Im Vergleich mit dem kurz zu vor besuchten Loire Tal ist es das auch. Aber bei vielen Häusern des linken und rechten Ufers, findet seit einigen Jahren ein Umdenken statt. Auch bei den Big Playern der Grand Cru Chateaux. Eins der besten Beispiele ist sicher das Chateau Pontet Canet. 1855 als fünfter Cru klassifiziert, würde es heute nicht nur wegen der 100 Punkte von Bobby Parker für den 2010er, ganz oben mit dabei sein. Das Chateau Pontet Canet liegt im Herzen des Medoc in Paulliac. Seit die Familie Tesseron das Ruder in der Hand hält, wird der Gedanke der Biodynamie stetig weiter entwickelt. Seit 2014 ist das Weingut sogar Mitglied im Demeter Verband. Trotz der Größe wird hier alles daran gesetzt stark im Einklang mit der Natur zu arbeiten und mit Hilfe von lebendigen Böden und schonender Verarbeitung noch mehr Terroir in die Flasche zu bekommen. In den mit 10.000 Stöcken pro Hektar sehr dicht bepflanzten Weinbergen, werden 8 Pferde eingesetzt um diese zu bearbeiten. Die Gäule verdichten den Boden deutlich weniger als ein Traktor, doch schaffen sie nur knappe 40ha und damit nur die Hälfte der Rebfläche. "Das werden wir bald ändern", erzählt die junge Justine Tesseron und zeigt uns stolz die Baustelle für die neuen Stallungen. Hier werden bald zwanzig Pferde Platz haben um die komplette Rebfläche zu bewirtschaften.

 

Im Keller angekommen gehen wir vorbei an den hölzernen Bottichen in dem ausschließlich der Cabernet vergoren wird. Merlot wandert in die sich nach oben verjüngenden Beton Behälter. Durch die spezielle Form, die Kellermeister Jean-Michel Comme ausgetüftelt hat, wälzt sich der Maischehut von selbst bei der Gärung um, so das weniger über gepumpt werden muss. Auch ein Pferdeanhänger mit dem man mehrere Rebzeilen gleichzeitig mit biodynamischen Präparaten spritzen kann, hat der Kerl erfunden, verrät Justine Tesseron. Neben dem imposanten Barrique Keller dann etwas, das man in Bordeaux vielleicht nicht erwartet: Tonamphoren und zwar eine Menge ! Wobei Ton nicht ganz richtig ist. Sie sind aus einer Mischung aus Ton, Beton, Lehm und Kies, zum Teil aus dem Boden der Weinberge. Damit der Wein etwas von seinem Terroir mitbekommt und sich zu Hause fühlt. Über 35% macht der Anteil aus diesen, Dolia genannten Amphoren in den Erstwein aus. 

Jetzt geht es ein Stockwerk höher, wo von mehreren fahrbaren Bändern direkt in die Gärstander mit vorgeschalteter Traubenmühle sortiert werden kann. Hier gibt es dann auch den 2016er Grand Vin als Fassprobe zu verkosten. 65% Cabertnet Sauvignon, 30% Merlot, der Rest Cabernet Franc und Petit Verdot. Dunkel, mit violettem Schimmer fließt er in Glas und duftet intensiv nach Cassis, Brombeere, Pflaumen, Maduro Zigarre und gerösteter roter Paprika. Für einen jungen Paulliac sehr zugänglich und mit moderatem Holzeinsatz und festem, reifem Tannin. Das wird in einigen Jahren geiler Stoff werden ! 

Chateau Pontet Canet ist ein wirklich faszinierendes Weingut mit sehr progressiven Besitzern, welche nun auch ihre ersten vinophilen Versuche in Kalifornien wagen. Kürzlich kaufte Alfred Tesseron im Westen Napas die Villa Sorriso, samt Weinbergen vom 2014 verstorbenen Schauspieler Robin Williams. 

 

Für unsere zweite Station müssen wir das Ufer wechseln. Wir fahren 15 Minuten von St. Emilion nach Osten nach St. Cibard, an die Côte de Franc. In dieser ruhigen, hügeligen Region liegt das Chateau Le Puy. In Kennerkreisen gefeiert, ist es doch immer noch ein eher unbekanntes Haus. Doch ein sehr besonderes. Denn auf Le Puy praktiziert man seid über 400 Jahren biologischen und später biodynamischen Weinbau ! Das heißt die Weinberge haben niemals Herbizide oder Kunstdünger gesehen. Emelien Arbeau erzählt, dass dies eigentlich aus einem Zufall heraus passiert ist, denn als damals künstliche Spritzmittel aufkamen, war ihr Vorfahr schlicht und ergreifend zu geizig um diese zu kaufen. Daraus ist quasi ein Tradition des spartanischen Weinbaus geworden. Heute bewirtschaften die Arbeaus auf Le Puy ca 40ha ??? Rebfläche Komplett biodynamisch mit allem was dazugehört: Eigenen Pferden, Kühen, Bienenstöcken und 50 ha Wäldern, Wiesen und einem kleinen See. Zuerst heisst ab in in die Weinberge. Und wo es bei Pontet Canet einen Golfcart gab, gibt es bei Le Puy Gummistiefel. Es geht vorbei an der steinigen Parzelle direkt am Haus, hier nur "The Rock" genannt (warum erklärt sich glaube ich von selbst), aus welcher der Top Wein Barthelemy stammt. Dann den Hügel runter zum weingutseigenen Stonehenge, einer alten Kultstätte der Wikinger, neben dem die riesigen Arbeitspferde seelenruhig grasen. Ein irgendwie verwunschen wirkender Ort... 

Danach geht es mit Madame Arbeau, die grade mit ihrem Russisch Unterricht fertig ist in der Keller, der anmutet wie eine Zeitkapsel. Die großen, eckigen Beton Gärbecken sind schon seit vielen Dekaden im Einsatz und die viele Tausend Liter fassenden Holzfässer in denen der "Basiswein" Namens Emilien ausgebaut wird, hat man kurz nach dem zweiten Weltkrieg der französischen Bahn abgekauft. Diese benutzte sie als Tanks auf ihren Güterzügen um Wein zu transportieren. Wieder ein Story die perfekt in diese zweckmäßige Sparfuchs-Philosophie des Weingutes passt. Weiter geht es in den Barriquekeller mit ausschließlich gebrauchten Fässern. Neues Holz gibt es auf Chateau Le Puy nicht. Wenn mal neue Fässer angeschafft werden, werden diese so lange ausgewaschen bis jeglicher Holzgeschmack verschwunden ist. Hier unten reift der "Barthelemy" und zwar auf eine ganz besondere Weise. Der Wein wird mehrmals pro Woche dynamisiert, d.h. mit einem Stock wird durch den Spund in den Wein mit schnellen Bewegungen ein Strudel oder Vortex gerührt, abwechselnd mal nach links, mal rechts herum. nach 20-24 Monaten kommt er dann bei Vollmond unfiltriert und ohne Zusatz von Schwefel auf die Flasche. Das Ergebnis ist erstaunlich. Barthelemy hat auch in jungen Jahren schon eine ins Kaminrote gehende Randaufhellung, was man eigentlich eher von reifen Weinen kennt. Trotzdem oder gerade deshalb sind die Le Puy Weine durch die Bank extrem lagerfähig. Auch die Textur ist anders, irgendwie dicker, ohne schwer zu wirken. Der 2011er den wir anschließend verkosten duftet erdig, nach Zwetschge, Orangenschale und orientalischen Gewürzen. Am Gaumen mit rundem Tannen und erfrischender Säure, alles unterlegt von einer dunklen Mineralik. Mit nichts im Bordelaise zu vergleichen und trotzdem typisch Bordeaux. Daher versucht sich die Familie Arbeau auch seid einiger Zeit ihre eigene AOC für "The Rock" zu erkämpfen. Sie sind mittlerweile auf EU Ebene angekommen.

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Zum Abschluss besichtigen wir noch das kleine Weinarchiv wo Jahrgänge bis 1917 schlummern. Aber was sind schon hundert Jahre...? Chateau Le Puy feierte mit dem Jahrgang 2010 sein 400-jähriges bestehen !