Wein Roadtrip Tag 1: Von Reil nach Winningen. Steillagen, Riesling und Schiefer

Ich hatte mir schon lange vorgenommen mal wieder eine Tour durch ein paar deutsche Weinanbaugebiete zu machen, doch irgendwie kam immer etwas dazwischen. Nach ein paar Wochen Planung hat es dann endlich geklappt. Zusammen mit meinem Berufskollegen und Kumpel Pascal Kunert aus dem Reinstoff in Berlin ging es am Sonntag von Bochum aus los Richting Mosel. Das Timing war gut. Die meisten 2015er Guts- und Ortsweine waren gefüllt und das Wetter hätte besser nicht sein können.

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Unser erster Stop war Reil. Reil ist sicher nicht die bekannteste Gemeinde an der Mosel, doch verfügt das Örtchen über einige hervorragende Lagen und über ein ganz besonderes Weingut. Das Weingut Melsheimer. Besonders an diesem Gut ist, dass Torsten Melsheimer, der das Weingut 1995 von seinem Vater übernommen hat, recht schnell auf biologischen, danach sogar auf biodynamischen Weinbau umgestellt hat und mittlerweile sogar Demeter zertifiziert ist. Und das ist wirklich selten an der kühlen Mosel.

 

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Da Torsten Melsheimer grade in Italien war, wurden wir von seinem Vater Eberhard empfangen. Während wir in der mit Geweihen behangenen Probierstube die ausschließlich aus Riesling gekelterten Weine verkosten, plaudert der sympathische Senior über alte Zeiten und die für ihn nicht immer einfache Umstellung auf biodynamischen Weinbau. Nicht ohne Stolz gibt er aber gerne zu, dass die Weine, seit sein Sohn das Zepter in der Hand hat, immer besser geworden sind. Die Melsheimer Weine eint Leichtigkeit, Präzision und Langlebigkeit. Torsten Melsheimer baut seine Rieslinge in sehr alten Fuder Fässern aus, danach kommen sie unfiltriert und mit wenig Schwefel auf die Flasche. Der 2014er Kabinett aus der Steillage Mullay-Hofberg präsentiert sich würzig, straff und mit feinem Schmelz. 2015er gibt es so gut wie garnicht zu verkosten, da sie noch im Fass schlummern. Sie brauchen Zeit und gären oft etwas länger.

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Dann geht es runter in den 400 Jahre alten Keller, vorbei an feuchten Wänden und schwarzen Fudern. Wir entdecken auch paar kleinere, neue Holzfässer mit der Aufschrift LBV. Da uns schon einige leere Vintage Portwein Flasche aufgefallen waren, fragen wir nach. Und tatsächlich: Inspiriert von Dirk Niepoort macht Torsten Melsheimer eine Art Portwein. Aber natürlich aus Riesling.

 

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Am Ende des Kellers dürfen wir die Schatzkammer betreten, hier lagern Jahrgänge die bis zurück in die 40er reichen. Aber nicht nur Weine aus eigener Produktion, sondern aus aller Welt ruhen hier und zeigen die Offenheit und Neugier der Melsheimers. Ich frage, ob wir noch das Naturwein Projekt von Torsten Melsheimer probieren dürften, den ungeschwefelten Retro Vade. Während der Senior einschenkt, erzählt er uns, dass er sich an diese Art der Weinbereitung noch nicht gewöhnt habe und sich damit etwas schwer tue. Nachdem wir diesen herrlich leichten, unverkopften Vin Naturel probiert haben, gesteht er uns etwas erstaunt, dass es ihm heute doch ganz gutschmecke.

 

Wir verabschieden uns und fahren bei strahlendem Sonnenschein ein paar Örtchen weiter ins altehrwürdige Traben-Trabach zum Weingut Weiser-Künstler. Konstantin Weiser und Alexandra Künstler geben dem Weingut seit 2005 Namen und Seele. Das sympathische Pärchen hat sich ganz dem Riesling verschrieben, diese stammen vorwiegend aus den Enkircher Lagen Ellergrub und Zepwingert. Das Weingut Weiser-Künstler befindet sich zurzeit in Umstellung aus biodynamische Bewirtschaftung, was für beide einfach der nächste logische Schritt war. Wir probieren die ersten gefüllten 2015er und einige Fassproben und sprechen über den Jahrgang. Warm war es und trocken. Doch die alten, zum Teil wurzelechten Reben stecken das gut weg, berichtet Konstantin. Die Weine aus 2015 haben Kraft und Dichte, aber trotzdem eine wunderbar straffe Säure. Die restsüßen Wein präsentieren sich sehr rein und klar, alles bis hin zur Beerenauslese mit ordentlich Trinkfluss. Ist der Kabinett aus der neu erworbenen Lage Wolfer Sonnenlay noch saftig und verspielt mit viel Stachelbeer und Brennnessel Aroma, zeigt sich die Ellergrub absolut präzise, mineralisch, kühl und karg, mit pikanter Säure und Nerv. Ich muss es vorwegnehmen. Das ist das beste was ich von diesem Prädikat die nächsten Tage im Glas haben werde.

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Dann geht es in die Schiefer-Steillagen der Ellergrub. Ein imposanter, terrassierter Weinberg. Wir arbeiten uns die steilen Stufen hoch, überall sprießen Wildkräuter der Sonne entgegen und es duftet nach Frühling. Alexandra erzählt uns über die mühevolle Weinbergsarbeit. Alles ist Handarbeit. Bodenpflege, Rebschnitt und Pflege, Ernte. Alles. Sogar das unbeliebte Insekt, der Traubenwickler wird Nachts im Schein der Taschenlampe per Hand abgesucht. Vielen Dank für diesen tollen Ein- und Ausblick !

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Letzter stop für diesen Tag machen wir bei Bochumer Dauergast Matthias Knebel in Winningen. Wir sitzen zusammen am Tisch, Matthias tischt Wurst und Käse auf und wir probieren die frisch gefüllten Weine. 2015 bescherte Matthias, neben durchweg guter Qualität, auch endlich etwas mehr Menge. Denn in den letzten beiden Jahrgängen musste sehr viel selektiert werden, um am Ende gesunde Trauben aus die Kelter zu bekommen und das ist Knebel trotz des immensen Aufwandes sehr wichtig.

Wir verkosten uns über den würzigen, fülligen und trotzdem straffen Riesling "Von den Terrassen" zu den Prädikaten. Spät- und Auslese präsentieren sich strukturiert und sauber und lassen sich trinken wie eine Limo. Selbst die 15er Trockenbeerenauslese aus dem Winninger Röttgen ist kein Süsswein zum nippen und meditieren. Mit "nur" 180g Restzucker, glasklar und mit keinerlei Botrytis Noten macht sie nicht satt. Wir trinken die ganze Flasche. Als krassen Kontrast, aber nicht minder spannend öffnet Matthias ein Flasche Röttgen TBA aus dem Oechsle Rekord Jahrgang 2011. Altgolden und dick wie Öl duftet sie nach Datteln, Tabak, getrockneten Aprikosen und Waldhonig. Ein irres Elixier, mundfüllend mit Minuten langem Abgang. Später verkosten wir noch eine Flasche 1996er TBA die noch Matthias Vater gekeltert und mit sehr wenig Schwefel abgefüllt hat. Die Frucht ist in den Hintergrund getreten, doch Säure und Zucker halten diesen Wein am Leben. Rauchig, nach Rosinen und Morcheln und zupackend am Gaumen. Danke.

Mit Zuckerschock fallen wir ins Bett um am nächsten Tag Richtung Rheingau aufzubrechen...

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