Chardonnay in Bochum

Mir ist schon klar, das meine Wahlheimat Bochum oder sagen wir ruhig das ganze Ruhrgebiet nicht grade der weintechnische Nabel der Welt ist. Bier-Region sagt man. Aber sind Städte wie Düsseldorf oder Köln nicht eigentlich auch eher für Alt und Kölsch bekannt ? Und trotzdem geht dort in Sachen Wein einiges. Weinbars, Tastings, Messen, Sommelier Stammtische... All das was uns Weinfreaks halt so Spaß macht. Im Pott ist da eher Ebbe. Ausnahmen gibt es immer. Aber die sind rar. Praktizierende Sommeliers sind so selten wie gute Weinkarten und der VDP hat mit seiner Großen Gewächs Tour auch noch nie halt auf Zeche Zollverein gemacht. Aber es muss sie ja geben, die Weinverrückten, in einem mehrere Millionen Menschen Ballungsraum. Doch wie findet man sie ? Wenn man gut vernetzt ist hilft das gute alte Internet. An einen Tisch bekommt man sie dann relativ einfach. Mit Wein. Viel Wein. Am besten mit spannendem und teurem Zeugs, was aber in der Gruppe wieder erschwinglich ist. Natürlich alles unter dem Deckmantel des "Bildungstrinkens". Ich entschied mich für Top Pinot Noir aus dem Burgund und Deutschland. Und siehe da, Ende letzten Jahres saßen elf vinophile Menschen bestehend aus Sommeliers, Köchen, Weinhändlern, Weinakademikern und sogar Winzern zusammen in Bochum und verkosteten, diskutierten und bewerteten was das Zeug hielt. Schnell war klar, dass dies nicht das letzte Treffen dieser Art war.

 

Die Runde fand dann letzte Woche endlich ihre Fortsetzung in gleicher Form, nur war diesmal der Chardonnay das Objekt der Begierde. Dazu gab es noch einen Special Guest. Christian Dautel vom gleichnamigen Weingut in Württemberg. Dieser war am Vorabend für einen Winzerabend bei mir im Restaurant. Da ich um Christians Affinität zum Burgund weiß, fragte ich ihn ob er einen Tag länger bleiben möchte. Er sagte sofort ja.

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Die Verkostung fand in sieben Flights á zwei Weine statt. Es wurde blind verkostet und nach der 100 Punkte Skala bewertet um am Ende einen Sieger zu ermitteln. Im ersten Flight gefiel mir der 2011er Hard von Ziereisen ziehmlich gut. Rough, gerbstoffbetont, viel Apfel und Ananas, guter Zug am Gaumen. (92) Im zweiten Flight hatte wieder ein deutsches Gewächs die Nase vorn. Der 2013er Schlossberg Reserve von Huber aus Malterdingen lies einen Chasagne-Montrachet 1er Cru von Oliver Leflaive ziehmlich alt aussehen. Ordentlich gelbe Früchte und Melone, darüber eine herrlich stinkig-rauchige Note nach etwas verbranntem Gummi. Extrem feiner Holzeinsatz. (94+)

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Als nächstes gab es einen Piraten aus dem Nappa Valley, welcher auch von einigen Verkostern als möglicher Übersee Kandidat entlarvt wurde. Der Kongsgaard Chardonnay hatte aber mit seinen lauten Popcorn, Vanille und Pfirsich Noten dem deutlich stilleren, sehr mineralischen Clos de Schulz vom Weingut Chat Sauvage nicht viel entgegenzusetzen. Der Rheingauer hatte mit seinem schlanken, würzigen Körper einfach mehr Trinkfluss. Einige tippte hier auf Chablis. (92)

 

Apropos, kein Chardonnay Tasting ist komplett, ohne den etwas aus der Mode geratenen Chablis. Als ich die Probe zusammenstellte hatte ich den 2011er Les Preuses Grand Cru sogar als Geheimfavoriten auf dem Zettel. Denn was Winzer Patrick Puize aus dieser Lage rausholt, gefällt mir jedes Jahr sehr gut! Der mineralische und ausgewogene Wein mit seinen saftigen Grapefruit Aromen schaffte es zwar nicht auf Platz eins, war aber ganz vorne mit dabei. (93+)

Dem Chablis gegenüber stellte ich voller hämische Vorfreude einen Wein vom selben Bodentyp, aus einer weltbekannten Weinbau-Gemeinde, aus einem recht bekannten Haus gegenüber... Und trotzdem kam niemand drauf, was es sein könnte. Obwohl die Beschreibungen sehr treffend waren. "Oxi wie Sau!" war zu hören und "Erinnert mich an den Champagnerrest auf dem Nachttisch, wenn ich morgens im Hotelbett aufwache und meinen Nachdurst stille". Aber dass es tatsächlich Champagner seien könnte, dass wagte niemand zu vermuten. Doch genau das war es: 2008er Les Mesnil von Bruno Paillard ist ein Coteaux de Champagnoise, also einer der wenigen Stillweine der Champagne. Es wurden weniger als 600 Flaschen von diesem, im Holz ausgebauten Blanc de Blanc abgefüllt. Sehr trocken mit straffer, zitroniger Säure und dem Duft von Hefe und Apfelkuchen. Nichts was ich nochmal kaufen würde, aber höchst interessant.

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Als nächster Wein folgte ein 2012er Chardonnay -S- aus der Magnum von Christian Dautel. Diesem kam der Wein auch extrem bekannt vor, doch hielt er sich mit einer Aussage schmunzelnd zurück. Weißer Pfeffer, reifer Äpfel und ein leicht dreckiger, erdiger Ton prägen diesen Wein. (92) In den gleichen Flight packte ich, nicht ganz unabsichtlich, den Meursault Clos de Barre von Comtes Lafon aus dem Jahr 2011. Denn Christian hatte mir mal erzählt, dass er dort gearbeitet hatte und die Weine seiner Meinung nach mit die besten der Region seien. Und er sollte recht behalten: Feinster Holzeinsatz, super balanciert mit Noten von rotem Apfel und weißem Pfirsich und einem Minuten langem Finish. Platz eins. (95)


Einen Wein aus dem letzten Flight möchte ich allerdings nicht unerwähnt lassen: 2012 Puiligny-Montrachet Clavoillon 1er Cru der Domaine Leflaive. Dieser Burgunder stach mit seinen Aromen von Feuerstein, Madarinenschale und Brotkruste wirklich heraus. Deutlich zu jung aber mit riesen Potential. (92) Am Ende kann ich nur danke sagen, an alle die dabei waren. Es war ein großer Spaß und ich hab eine Menge über Chardonnay in Deutschland und dem Burgund gelernt ! Im April geht's weiter mit Bordeaux...


Die Punkte in den Klammern ( ) sind meine persönliche, völlig subjektive Bewertung und nicht die durchschnittliche Gesammtbewertung. Es gab keine Freiware oder ähnliche Beeinflussung. Ich habe alle Flaschen beim Händler oder Winzer gekauft.

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