Ein Winzer mit Mission - 24h Laurenziberg

Es sind vielleicht die letzten warmen Tage in diesem Jahr. Die Mittagssonne scheint auf die vom Herbst gelb und rot gefärbten Weinberge. Vogelzwitschern, Totale Postkarten Idylle. Einzig die regelmäßig vorbeiziehenden Flugzeuge verraten das nahe Frankfurt nördlich des Rheins. Ich stehe in Gau-Algesheim im nördlichsten Zipfel des Anbaugebietes Rheinhessen. Genauer in den Weinbergen der 130 Seelen Gemeinde Laurenziberg. Neben mir steht ein Winzer mit weißen langen Haaren, markantem Gesicht und dreckigen Händen. Michael Teschke führt das gleichnamige Weingut in der dritten Generation. Eigentlich sollte Teschkes Bruder das elterlich Weingut Ende der 90er übernehmen. Michael schlug eine Kariere bei der Bundeswehr ein, Fallschirmjäger, Elitesoldat. Doch am Ende kam alles anders und es zog ihn zu den Reben, die er heute so liebt. Ein Einzelkämpfer ist er immer noch. Auch wenn seine Partnerin Kerstin ihn nach Kräften unterstützt. Teschke bewirtschaftet ca. 7 ha Weinberge bestockt mit Riesling, etwas Weiß- und Grauburgunder, Müller, Spätburgunder, Portugieser. Doch an eine Rebsorte hat er sein Herz verloren: Der Sylvaner. Teschke schreibt ihn in der alten Weise, mit einem Ypsilon. Das passt auch irgendwie zu seiner Interpretation dieser Rebsorte. Barock, reif, mit ordentlich Grip, trotzdem schwebend und extrem langlebig sind seine Weine. Das fängt natürlich schon im Weinberg an. Und nicht nur hier macht Michael Teschke einiges anders. Sofort erkennt man welche Sylvaner Weinberge ihm gehören, denn die sehr hohe Laubwand ist nicht zu übersehen und Teschkes Anlagen sind die einzigen weit und breit an denen noch Trauben hängen. Golden, mit kleinen Sprenkeln hängen sie wie an einer Perlenkette aufgereiht unter den Netzen, die sie vor hungrigen Vögeln schützen. "Ich werde dieses Jahr mal wieder erst im November mit der Lese fertig" sagt Teschke mit einem freudigen Lächeln, während wir die nach Marzipan schmeckenden Trauben probieren. Teschke ist nicht Bio zertifiziert oder ähnliches, doch arbeitet in fast schon romantischer Weise im Einklang mit der Natur. Herbizide oder Kunstdünger sind ihm fremd. Der Winzer liebt es sich zwischen seinen Reben an Rauke oder wildem Knoblauch zu bedienen und in seiner Küche zu verarbeiten. Auch im Keller ist weniger bei ihm mehr. Jüngst hat Teschke begonnen eine Naturwein Serie unter einem anderen Etikett abzufüllen. Kein Schwefel, keine Filtration, spontanvergoren ist sowieso alles. Einen herrlich süffigen Portugieser "Fabrik" gibt es und einen roten PetNat, also einen Schaumwein aus erster Gärung namens "Bulle". Dazu schlummert noch ein würziger, tiefgründiger, rauchiger Spätburgunder aus dem Jahrgang 2014 im großen, altem Holz, ganz ohne Schwefel der, falls Teschke dazu kommt, dieses Jahr auf die Flasche kommt und dann auch das schöne Kritzel-Naturwein Label erhält. 

Doch trägt Michael Teschke nicht umsonst den Titel Silvanerpapst. Diese Traube, die auch in Rheinhessen lange Tradition hat, ist seine Mission. Wenn die vollreifen Trauben aus den vom Kalk geprägten Weinbergen an der Dünnbach oder dem Mühlweg im Weingut ankommen, wird erstmal sorgfältig entrappt. Teschkes Sylvaner haben immer ein wenig ganz feinen Grip, doch der kommt nicht von Stengeln und Stielen, sondern vor allem von der alten Spindelpresse, erklärt der Winzer. Die Schalen der Beeren reiben sich an den Löchern der Außenwand und setzen ihre Aromen und Gerbstoffe frei. So spart sich Teschke etwas an Maischestandzeit und bekommt eine dezente Reduktion in seine Weine. Mit hohem Alkohol hat der Winzer wenig Probleme, kühle Lagen und konkurrierende Pflanzen zwischen den Reben verhindern, dass die Weine trotz hoher Reife zu mollig werden. Bei einigen seiner Silvaner, wie zum Beispiel bei dem fast an einen Wachauer Smaragd Veltliner erinnernden Flur 19/68 aus sehr alten Reben, rührt Teschke die Hefe mit einem Stock auf. Bei diesem extrem langlebigen Ausnahme Sylvaner, verarbeitet der Winzer auch das ein oder andere Botrytis Träubchen mit. Generell gilt für alle seiner Weine, auch für die Einstiegsqualitäten, dass ihnen einige Jahre Flaschenreife sehr gut tun. Einige erreichen nach 10 Jahren oder mehr erst ihren Genuss Höhepunkt.

Am Abend, bei einem gemeinsamen Essen, präsentiert Michael Teschke uns gespannt sein neustes Werk, mit dem er den Blick auf Sylvaner, nicht nur aus Rheinhessen, sondern aus ganz Deutschland ändern will. Es ist seine Mission dieser Rebsorte die er so verehrt (auch preislich) ein Denkmal setzen, vielleicht auch ein bisschen zu missionieren. Sylvaner Mission 2015 ist wirklich ein außergewöhnlicher Wein. Die Trauben stammen aus einer sehr alten Parzelle und wurden streng selektiert, so dass ein Ertrag von nur knapp über 13 hl/ha zu stande kam. Nach der Handlese wurde über 8 Stunden gepresst und der Most für 72 Stunden auf der Maische stehen gelassen. Danach ging es direkt ins uralte Halbstückfass. Geschwefelt wurde nur sehr gering. In der Nase gelbfruchtig nach Quitte, goldenen Äpfeln und Mango. Am Gaumen kompakt, intensiv aber nicht fett. Tolles, griffiges Mundgefühl. Potential für Dekaden. 

Am nächsten morgen gehe ich nach dem Frühstück nochmals in die Weinberge. Die Sonne schiebt grade die letzten Nebelfetzen aus Rebzeilen. Michael Teschke ist schon seid einigen Stunden dort und erntet seine letzten Portugieser Trauben. Mit lachenden blauen Lippen und einer herzlichen Umarmung verabschiedet sich dieser naturverbundene, charismatische Einzelkämpfer. Danke für die Einblicke und die Gastfreundschaft lieber Michael !

 

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